25. October 2013 - 09. February 2014

KÄTHE AUGENSTEIN

Fotojournalistin  Berlin - Bonn


Die späten Jahre der Weimarer Republik markierten die erste Blütezeit des modernen Fotojournalismus. Eine besondere Rolle spielte dabei die Berliner Bildagentur »Dephot« (»Deutscher Photodienst«), die als eine Schule des modernen Fotojournalismus gilt. Ihre Reputation ist vor allem auf ihre Protagonisten zurückzuführen, allen voran auf den Agenturgründer und -leiter Simon Guttmann und eine außergewöhnliche Equipe talentierter junger Fotografen, zu der neben Otto Umbehr, Felix H. Man, Harald Lechenperg und Robert Capa (eigentlich Endre Friedman) auch Käthe Augenstein (1899–1981) gehörte.

Die gebürtige Bonnerin zählt zu den wenigen erfolgreichen Berliner Pressefotografinnen jener Zeit. Nach bisherigem Forschungsstand ist sie die einzige Fotografin, die in bedeutendem Umfang für die »Dephot« gearbeitet hat.

Käthe Augenstein wurde in eine gutbürgerliche Familie geboren. Sie genoss eine höhere Schulbildung und konnte sich ganz ihren Interessen, der expressionistischen Kunst, der Literatur und dem Film widmen. Schon als junges Mädchen begann sie mit einer eigenen Plattenkamera zu fotografieren, später folgte eine Ausbildung in einem fotografischen Atelier.

Während des Ersten Weltkriegs kam sie zum Postüberwachungsdienst an die französische Front, von wo aus sie Postkarten mit selbstfotografierten Motiven verschickte. Ihre künstlerisch-ästhetische Prägung wurde nachhaltig durch die Freundschaft mit dem expressionistischen Maler Hans Thuar und weiteren Angehörigen der Bonner Künstlerszene beeinflusst.
Käthe Augensteins Entwicklungsmöglichkeiten blieben innerhalb der von handwerklichen Atelierbetrieben geprägten Bonner Fotoszene jedoch begrenzt.

Das Jahr 1927 wurde für die Fotografin zu einem entscheidenden Wendepunkt: Sie zog nach Berlin, ins Zentrum des Fotojournalismus, in die Metropole der avantgardistischen Kunst und Kultur. In ihren ersten beiden Jahren in der Reichshauptstadt absolvierte sie den Meisterkurs der Fotografischen Lehranstalt des Lette-Vereins. Sie wohnte im Neuen Westen, unweit des Nollendorfplatzes, ging mit dem expressionistischen Maler Werner Scholz eine intensive Freundschaft ein und fand schnell Zugang zu linkspolitischen Künstlerkreisen.

In kurzer Zeit vollzog sie eine Art innere wie äußere Metamorphose vom gutbürgerlichen »Bönnschen Mädchen« zur modernen »Neuen Frau«. Zudem gelang ihr kurz nach Abschluss der Ausbildung am Lette-Verein der berufliche Einstieg in die Pressefotografie. Viele Fotografen, darunter auch Tim Gidal, hatten sich vergeblich bei der Fotoagentur »Dephot« beworben.

Die Entscheidung der »Dephot« für Augenstein war einerseits ihren fotografischen Fähigkeiten zuzuschreiben, andererseits aber dürfte auch ihre Verbundenheit mit der expressionistischen Künstlerszene, der auch Simon Guttmann nahestand, von Vorteil gewesen sein. Guttmanns innovative Ideen zu Fotoreportagen und Fotoessays mit neuen Bildthemen wurden wegweisend für den modernen Fotojournalismus. Die kreative und kooperative Atmosphäre in der jungen Bildagentur förderte Augensteins berufliche Entwicklung.

Innerhalb kurzer Zeit erreichten die Fotografien der Lette-Schülerin eine neue Qualität, die eine erste Hochphase ihres fotografischen Schaffens bedeutete. Die Arbeit bei der »Dephot« ermöglichte ihr zudem, ihre Leidenschaft für Kunst und Kultur mit ihrem Beruf zu verbinden. Sie spezialisierte sich auf Bildnisse und porträtierte eine Vielzahl Protagonistinnen und Protagonisten der künstlerischen Szene innerhalb und außerhalb von Berlin. Zu ihren bevorzugten Aufträgen gehörten Atelierbesuche, darunter bei Otto Dix, Renée Sintenis, Max Liebermann und Milly Steger.

Darüber hinaus übernahm sie Aufträge zu Bildgeschichten aus dem Alltagsleben und widmete sich sozialen Sujets, einem Schwerpunkt der »Dephot«.Nach bisherigem Forschungsstand erschienen ihre Aufnahmen jedoch überwiegend als Einzelfotografien, nur gelegentlich waren in den Illustrierten, Magazinen und Tageszeitungen – wie »Berliner Illustrirte Zeitung«, »Uhu«, »Tempo« – auch Reportagen und Bildfolgen von ihr zu finden. Wegen der finanziellen Krise der »Dephot« (ab Dezember 1932 »Degephot«) und ihrer Schließung durch das Propagandaministerium 1933 wurde Käthe Augenstein für verschiedene andere Agenturen tätig.

Kurz nach Berufung von Harald Lechenperg zum Chefredakteur der »Berliner Illustrirten Zeitung« 1937 erhielt sie eine Festanstellung bei Ullstein, wo sie im Fotoatelier unter Elsbeth Heddenhausen tätig war. Enteignet und »arisiert«, firmierte das Unternehmen inzwischen unter dem Namen »Deutscher Verlag« und war dem Zentralverlag der NSDAP unterstellt. Neben ihrer Tätigkeit im Atelier wurde Käthe Augenstein auf Fotoreisen entsandt.

Im Verlauf des Krieges musste sie auch die Entwicklung von Farbnegativen übernehmen, da sie das Verfahren als eine der wenigen sicher beherrschte. In den letzten Kriegstagen brannte ihre Berliner Atelierwohnung einschließlich des gesamten Archivs und der Kameraausrüstung aus.

Ein Großteil der Fotografien ihrer fast 20-jährigen Berliner Karriere gingen dabei unwiederbringlich verloren. Käthe Augenstein entschied sich zur Rückkehr nach Bonn, wo sie zum ersten Mal ein eigenes Fotoatelier eröffnete.
Als gefragte Gesellschaftsporträtistin und Chronistin der abstrakten Künstlerinnen und Künstler im Rheinland erlangte sie Renommee, aber der Atelieralltag ließ ihr nur wenig Gelegenheit für fotojournalistische Arbeiten und die damit verbundene schöpferische Freiheit.

Erst fünfzehn Jahre nach ihrem Tod im Jahr 1981 konnte Käthe Augensteins Nachlass, der heute im Stadtarchiv Bonn bewahrt wird, erworben werden. Darin befinden sich auch Aufnahmen für die »Dephot«, die sie aus politischen Gründen ab 1932 in ihrem Elternhaus versteckt hatte oder die sie nach dem Krieg wiederbeschaffen konnte.

Inzwischen sind Käthe Augensteins Fotografien von der Autorin für Ausstellung und Katalog bearbeitet und zum ersten Mal der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht worden; noch aber bleiben viele Fragen nach Leben und Beruf von Käthe Augenstein ungeklärt.

In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Bonn zeigt Das Verborgene Museum mit ca. 80 Vintage Prints einen Querschnitt durch das Werk dieser in Vergessenheit geratenen Fotografin. Damit kehrt mehr als acht Jahrzehnte nach dem Entstehen der Aufnahmen ein Großteil der in Bonn bewahrten Fotografien von Käthe Augenstein nach Berlin zurück.

Käthe Augensteins Fotografien sind Zeugnisse des mannigfaltigen Kulturlebens der ausgehenden Weimarer Republik und werfen zugleich ein neues Licht auf die Geschichte der »Dephot«.

Autorin: Sabine Krell
Die Autorin ist Leiterin der Fotografischen Sammlung im Stadtarchiv Bonn und Kuratorin der Ausstellung.
Wir danken Sabine Krell für die Unterstützung bei der Realisierung der Ausstellung

 

 


Eröffnung

Donnerstag, 24. Okrober 2013 | 19 Uhr

Es sprechen

Dr. Norbert Schloßmacher
Leiter Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek, Bonn

Sabine Krell
Kuratorin der Ausstellung, Bonn

Laufzeit

25. Oktober 2013 - 9. Februar 2014
geschlossen: 16.12.2013 - 5.01.2014
Eintrittspreise: 2 € ermäßigt 1 €

ÖFFNUNGSZEITEN

Donnerstag, Freitag 15 - 19 Uhr
Samstag, Sonntag 12 - 16 Uhr

Veranstaltung

Bücherbazar im Dezember 2013

Adresse

DAS VERBORGENE MUSEUM
Schlüterstrasse 70
10625 Berlin-Charlottenburg

verkehrsanbindungen

S5, 7, 75, 9  Savignyplatz
U2 Ernst-Reuter-Platz,
Bus M49, X34, 101 Schlüterstrasse

STADTPLAN

siehe Kontakt

 

TELEFON

+49 (0) 30 313 36 56

MAILADRESSE


 

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PUBLIKATION
»Kaethe Augenstein 1899–1981. Fotografien«
Hg. von Sabine Krell, mit Texten von Sabine Krell,
Klaus Honnef, Rolf Sachsse, 160 S.,
ca. 100 Tafelabbildungen, Bonn 2011,
Preis 15,00 €

Eine Ausstellung mit Unterstützung
des Stadtarchivs und der
Stadthistorischen Bibliothek Bonn
 

 

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