28. October 2011 - 27. February 2012

EVA BESNYÖ

Budapest . Berlin . Amsterdam

Leben und Werk der ungarisch jüdischen Fotografin Eva Besnyö (1910 Budapest - 2003 Amsterdam) sind von der Moderne in den Künsten gleichermaßen wie von den politisch extremen Geschicken Europas im 20. Jahrhundert, von Faschismus, Nationalsozialismus, Verfolgung und Emigration, geprägt.

Als Eva Besnyö gerade zwanzigjährig mit einer Gesellenprüfung des angesehenen Budapester Portrait- und Werbeateliers Jozsef Pecsi im Gepäck in Berlin eintraf, hatte sie bereits zwei folgenreiche Entscheidungen in ihrem Leben getroffen: Das Fotografieren zu ihrem Beruf zu machen und dem faschistischen Ungarn für immer den Rücken zu kehren. Noch konnte sie nicht wissen, dass sie auch Deutschland bald wieder verlassen würde, aber die knapp zwei Jahre in Berlin von September 1930 bis Herbst 1932 wurden für ihre persönliche Entwicklung und ihre fotografische Bildsprache von bleibender Prägung.

Pudovkins, den für die Entwicklung der Fotografie maßgeblichen Illustrierten und Magazinen; hier erlebte sie das revolutionäre Theater Piscators, den modernen Tanz der Palucca und diskutierte mit Freunden nächtelang über Zwänge und Freiheiten politischer Systeme.

In Berlin entdeckte Besnyö, dass sie am liebsten den Menschen im Alltag, auf der Strasse, bei der Arbeit und in der Freizeit zum Thema ihrer Bildfindungen machte. Sie hatte bei dem Pressefotografen Dr. Peter Weller Arbeit gefunden, streifte tagsüber mit der Kamera durch die Stadt, suchte Motive auf Baustellen, am Wannsee, im Zoo oder in den Sportstadien und ihre Aufnahmen wurden sogar veröffentlicht - allerdings wie damals üblich - unter dem Namen des Atelierinhabers.Wie ihre Kollegen war auch Besnyö von der surrealen Wirkung menschenleerer Strassen bei unwirklicher Beleuchtung fasziniert und wie ihre zeittypischen Nah-Portraits aus neumodischen Perspektiven verfehlen diese Motive bis heute nicht ihre Anziehung


Bildnisse der Berliner Jahre

"Ich kam nach Berlin und da ging das Licht an ... Das waren eigentlich die wichtigsten Jahre in meinem Leben." (Eva Besnyö im Interview 1991) In ihrem Selbstbildnis von 1931 taxiert sie ihr Spiegelbild im Sucher einer 6x6 cm Rolleiflex und kalkuliert konzentriert die Wirkung von Licht und Schatten.
Die beim Fotografieren eher ungebräuchlichen weißen Handschuhe steigern noch die auf Effekt setzende Ausleuchtung ihrer Person im verfremdeten Ambiente.

Zu ähnlich beeindruckenden Ergebnissen der Berliner Jahre gehört auch das Bildnis von György Kepes, den sie aus dem Budapester Studio kannte und der inzwischen als Assistent bei Moholy-Nagy in Berlin arbeitete. Besnyö spielt hier mit der ungewöhnlichen Perspektive, mit Schärfen und Unschärfen, mit der haptischen Wirkung der Stoffe und macht zugleich eine sehr persönliche Aufnahme von ihrem Freund.

Vor dem Hintergrund der formalistischen Debatte um das "Neue Sehen" liest sich das Bildnis von Kepes wie ihr fotografisches Credo: Nicht auf das technisch Machbare und eine größtmögliche Verfremdung kommt es an, vielmehr darauf, dem Bekannten neuartige Ansichten abzugewinnen.
Besnyös bekanntestes Foto stammt ebenfalls aus dieser Zeit, vom Sommerurlaub 1931 in Ungarn am Balatonsee: Es ist der Junge mit dem Cello - eine weltweit für Werbezwecke benutzte Ikone, ein in den 1950er und 1960er Jahren gerne verwendetes Bildsymbol für die vagabundierende Existenz, den modernen Tramp.

Für das sensible politische Gespür der Jüdin Eva Besnyö spricht ihre rechtzeitige Flucht aus Berlin nach Amsterdam im Herbst 1932 vor der antisemitisch nationalsozialistischen Verfolgung. Unterstützt durch holländische Freunde um die Malerin Charley Toorop, den Filmemacher Joris Ivens, den Designer Gerrit Rietveld und den Kameramann John Fernhout, den sie 1933 heiratete, erfuhr Besnyö schon bald öffentliches Ansehen als Fotografin: Ihre erste Einzelausstellung, die 1933 von der international renommierten Kunst-Galerie Van Lier in Amsterdam ausgerichtet wurde, machte sie mit einem Schlag in den Niederlanden bekannt. Von da an gehörte sie mit ihren 23 Jahren zusammen mit Piet Zwart und Paul Schuitema, Cas Oorthuys, Carel Blazer und Emmy Andriesse zur tonangebenden Fotografenszene des Landes.

Es folgten Jahre mit wenig und schlecht bezahlten Aufträgen, einem kurzfristigen Engagement bei den Arbeiterfotografen und - den politischen Umständen geschuldet - mit Sozialreportagen. Ein bislang wenig beachtetes Kapitel ihrer Auftragsarbeit sind ihre Architekturfotografien, mit denen sie großen Erfolg hatte. Es gelang ihr offenbar, die Idee des funktionalistischen Neuen Bauens mit den visuellen Mitteln des Neuen Sehens in das zweidimensionale Bild
zu übertragen.


Architekturfotografien

"Ich habe es gerne getan, aber es war schwer und ich musste die Architektur immer ohne Menschen aufnehmen, was ich heute nicht mehr schön finde" (1991).Für die Architekturaufträge - belegt durch zahllose Aufnahmen in der holländischen Fachzeitschrift für das Neue Bauen "de 8 en Opbouw"- musste Besnyö die leichte Rolleiflex 6x6cm Rollfilmkamera gegen die schwere 9x12 cm Linhoff-Plattenkamera eintauschen. Von ihrem Verständnis, Architektur zu fotografieren waren die Architekten so eingenommen, weil sie ihre Bau-Ideale von Licht, Luft und Sonne in das zweidimen-sionale Medium Fotografie übertragen fanden.Bis heute vermittelt beispielsweise die Ansicht des "Sommerhauses in Groet" (1934) die Atmosphäre einer sonnendurchfluteten Villa mit der nach wie vor beliebten Transparenz von Interieur und Außenwelt.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre engagierte sich Besnyö intensiv kulturpolitisch, beispielsweise 1936 bei der Anti-Olympiade-Ausstellung "D-O-O-D" (De Olympiade onder Diktatuur); im Jahr darauf, 1937, kuratierte sie zusammen mit Carel Blazer und Cas Oorthuys im Stedelijk Museum Amsterdam die internationale Ausstellung "foto`37" - eine niederländische Version der legendären Stuttgarter Film- und Foto-Ausstellung (fifo) von 1929. Die Wirkung dieser Präsentation für die Relevanz von Fotografie als musealem Sammelobjekt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Vergleichbar wirkungsvolle Aktivitäten zur Förderung der Fotografie im Museum haben europaweit noch bis weit in die 1970er Jahre auf sich warten lassen.

Der Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 und die Kollaboration im Lande brachten für die Emigrantinnen und Emigranten erneut politische Verfolgung. Für Eva Besnyö war es wieder höchste Zeit, zu verschwinden, sich zu verstecken. Mit Hilfe eines fingierten Ahnennachweises gelang es ihr 1944, sich als "Halbjüdin" "entjuden" zu lassen. Das Überleben retteten auch die Foto-Arbeiten im Untergrund, die sogenannten"spek- en boterfoto´s" ( "Speck- und Butterfotos").

Wie viele Fotografinnen und Fotografen ihrer Generation tendierte Besnyö in den Nachkriegsjahren zu einer neorealistischen Kamerasprache aus humanistisch geprägter Weltsicht. Sie war 1955 an der von Edward Steichen ins Leben gerufenen "Family of Man"- Ausstellung beteiligt und wurde 1958 mit der Verleihung der Goldmedaille auf der 1.Biennale der Photographie in Venedig geehrt.
Ebensowenig wie das Fotografieren zum Broterwerb ihren künstlerischen Impetus brechen konnte, haben auch die Jahre der Erziehung ihrer beiden Kinder nicht dazu geführt, beruflich zu pausieren; den klassischen Konflikt der Mehrfachbelastung aber hat sie über Jahrzehnte als Zerreißprobe am eigenen Leibe erlebt. Folgerichtig - so scheint es - wurde sie Aktivistin der niederländischen Frauenbewegung "Dolle Mina" und - ganz gegen ihre Auffassung von künstlerischer Fotografie - zur fotografischen Dokumentaristin.


Die niederländische Frauenbewegung - Dolle Mina

"Ich fing an als Fotografin, wollte dokumentieren und dann rollte ich so tief hinein, dass ich eine richtige Dolle Mina geworden bin" (1991).Mit der Dokumentation der Frauenbewegung, dem Festhalten von Aktionen auf der Strasse kam Eva Besnyö - inzwischen auch mit der Leica unterwegs - vorrübergehend zwar ihrem Jugendidol vom "Rasenden Reporter" nahe, aber sie erkannte bald, dass ihr fotografisches Credo von einer ästhetisch determinierten Bildgestaltung in der Dokumentarfotografie nicht durchzuhalten war. Dennoch beschäftigte sie das Thema "Frauenemanzipation" in der Fotografie auch über die akute Phase der Bewegung hinaus, wie beispielsweise in der Serie "Frauen in Männerberufen".

Eva Besnyös fotografisches Œuvre beeindruckt durch stilistische Modernität und thematische Vielfalt: Portrait- und Alltagsfotografien, Reportagen, Architektur- und Reisebilder.Sie hat die Arbeit zum Broterwerb kennen gelernt und die Freiheiten zu schätzen gewusst, wenn sie ihr Sujet selbst gestalten konnte. Ihr politisches Denken war  - wider bessere Erfahrungen -  ihr ganzes Leben von der Maxime einer humanistisch geprägten Gesellschaft bestimmt."Wie viele andere Talente, ist auch das Eva Besnyös wegen des Rassenwahns der Nationalsozialisten für Deutschland und seine künstlerische Kreativität verloren gegangen", Karl Steinorth bei der Verleihung des Dr.Erich-Salomon-Preises der Deutschen Gesellschaft für Photographie 1999 an die Fotografin.

Die erste umfassende Retrospektive in Deutschland mit ca.120 Vintage-Fotografien soll Leben und Werk dieser außergewöhnlichen europäischen Fotografin des 20. Jahrhunderts einer größeren Öffentlichkeit auch außerhalb der Niederlande bekannt machen.

Moortgat/Beckers

 

 

Nachtrag : Zur Ausstellung 1991

EVA BESNYÖ

Budapest . Berlin . Amsterdam | Photographien 1930 - 1980


Das Gesicht der Strasse

" Als ich jung war, war die Kamera für mich ein Alibi, überall hinzukommen. Ich dachte, ich bin eine Photographin, also ist es mein Recht zu phographieren, was ich will. Jetzt weiss ich, dass es nicht mein Recht ist. Ich kann keine heimlichen Bilder machen. Es ist jetzt Mode, Gesten der Verzweifelung zu photographieren, große Emotionen, die nicht für das Publikum bestimmt sind. Dagegen wende ich mich." (Eva Besnö 1975)

Große Gesten, Sensationen oder den Reiz des schönen Scheins hat Eva Besnyö mit der Kamera nie gesucht, vielmehr sind es die Randfiguren, die alltäglich beiläufigen Erscheinungen menschlichen Daseins abseits des hektisch pulsierenden Großstadtlebens, denen sie nachgeht. So läßt sich ihr photographisches Lebenswqerk aus nunmehr über sechszig Jahren Berufstätigkeit mit der Aufnahme der musizierenden Zigeuner unter ein visuelles Leitmotiv stellen, in dem sich biographische, photokünstlerische und thematische Momente zu einer Art Schlüsselbild verdichten.

Mehr .... Katalog zur Ausstellung Eva Besnyö, Budapest . Berlin . Amsterdam 
Photgraphien 1930 - 1989, Dezember 1991

 

Biografie ...

Asstellung: Künstlerinnen im Dialog

 

DAS VERBORGENE MUSEUM zu Gast
in der BERLINISCHEN GALERIE
Landesmuseum für Moderne Kunst
Fotografie und Architektur

Eröffnung

27. Oktober 2011 | 19 Uhr

Es sprechen
Dr. Thomas Köhler
Direktor der Berlinischen Galerie

André Schmitz
Staatssekretär - Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, Berlin

Dr. Bart Hofstede
Botschafter für Presse und Kultur
Botschaft des Königsreichs der Niederlande, Berlin

Iara Brusse
Tochter der Fotografin Eva Besnyö, Amsterdam

Elisabeth Moortgat
Co-Kuratorin, Das Verborgene Museum

Anschließend

Zwei Lieder von Berthold Brecht
und Hanns Eisler
Berthold Kogut, Gesang (Bariton)
Constanze Lösch, Klavier

Laufzeit

28. Oktober 2011 - 27. Februar 2012

Adresse

BERLINISCHE GALERIE
Alte Jakobstr. 124-128 | 10969 Berlin

VERANSTALTUNG

28.01.2012 | 18:00 - 01:00 Uhr
Im Rahmen
LANGE NACHT DER MUSEEN
Führungen durch die Ausstellung



FLYER
zur Ausstellung


PUBLIKATION 
Eva Besnyö 
Budapet . Berlin . Amsterdam
deutsch | englisch
Von Marion Beckers, Elisabeth Moortgat
Hirmer Verlag, München, 2011
248 Seiten, ca. 240 SchwarzWeiß-Abbildungen
29,00 € an der Museumskasse

 

 

2. Station
JEU DE PAUME, Paris

Eröffnung

21. Mai 2012

Laufzeit

22. Mai - 23. September 2012

Adresse

JEU DE PAUME, Paris
1. Place de la Concorde | F - 75008 Paris
 

Eva Besnyö
Film zur Ausstellung
im JEU DE PAUME, Paris
AusstellungsRundgang, Interviews

 

 

STANDORT

DAS VERBORGENE MUSEUM
Schlüterstrasse 70
10625 Berlin-Charlottenburg

verkehrsanbindungen

S5, 7, 75, 9  Savignyplatz
U2 Ernst-Reuter-Platz,
Bus M49, X34, 101 Schlüterstrasse

STADTPLAN

siehe Kontakt


TELEFON

+49 (0) 30 313 36 56

MAILADRESSE


 


PUBLIKATION zur Ausstellung
Eva Besnyö 
Budapest . Berlin . Amsterdam
Photografien 1930 - 1089
Texte und Redaktion
Marion Beckers, Elisabeth Moortgat
Hrsg. DAS VERBORGENE MUSEUM
Movimento Druck, Dezember 1991

 

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