27. September 2017 - 11. February 2018

KRIEGSALLTAG UND ABENTEUERLUST

Kriegsfotografinnen in Europa 1914 – 1945

Weiblichen Geschlechts zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig Pazifistin zu sein. Aber selbst wenn zum Beispiel die Chemikerin Clara Immerwahr mit ihrer Selbsttötung angesichts der erstmaligen Verwendung von Giftgas auf den flandrischen Schlachtfeldern 1915 ein Fanal gegen Krieg setzen wollte, wurde es doch weitgehend übersehen.

Fotografinnen, Journalistinnen, Amateurfotografinnen und fotografierende Krankenschwestern waren zwischen 1914 und 1945 an den beiden Angriffskriegen in Europa sowie am Spanischen Bürgerkrieg mit und ohne Akkreditierung als Kriegskorrespondentinnen beteiligt. Sie haben die Versorgung der Verwundeten im Lazarett, die Unterhaltung der Soldaten in der Etappe und das Kriegsgeschehen aus nächster Nähe an der Front ebenso wie das Leben zu Hause an der Heimatfront dokumentiert. Sie waren gegen Wilhelminismus, Faschismus und Nationalsozialismus eingestellt, aber sie waren auch, wie die Österreicherin Alice Schalek, vom Krieg fasziniert. Begeistert hat sich Schalek als erste akkreditierte Kriegsfotografin bis in die Gebirgszüge am Isonzo 1914-16 unter die Soldaten begeben und sich als Korrespondentin mit dem Wiener Pazifisten Karl Kraus in den Zeitungen aufsehenerregende Wortgefechte geliefert.

In Deutschland hatten Frauen keinen Zugang zu den Schlachtfeldern. Die Mehrheit der bürgerlichen Frauen aber übernahmen stolz und freiwillig alle Arbeiten, die zur Versorgung an der Heimatfront notwendig waren. Die Amateurfotografin Käthe Buchler hat sie als als Schaffnerinnen, Briefträgerinnen, Nachtwächterinnen etc. portraitiert und damit zugleich bei öffentlichen Vorträgen auf ihre Weise mobil gemacht.

In England waren es die Suffragetten, die für das Wahlrecht der Frauen und mit Beginn des Krieges auch für ihren Einsatz im Krieg gekämpft haben. Die Ausstellung zeigt Aufnahmen von professionellen Studio- und Portraitfotografinnen aus London (Christina Broom, Olive Edis) und von knipsenden Krankenschwestern (Elsie Knocker, Marie Chisholm), die in Belgien und Russland (Florence Farmborough) neben der Versorgung der Verwundeten den Kriegsalltag in der Etappe dokumentiert haben.

Die Rolle der Fotografinnen als Dokumentaristinnen des Spanischen Bürgerkriegs fand bisher mit einer Ausnahme kaum Beachtung: Gerda Taro ist heute die bekannteste Kriegsfotografin in Europa. Ihre Fotografien sind eine politische Anklage gegen den Krieg, bei der die Menschen, nicht die Waffen und das Kriegsgeschehen im Mittelpunkt stehen. Sie selbst ist bei der Arbeit an vorderster Front aufseiten der Republikaner grausam zu Tode gekommen.

Die internationale Teilnahme fotografierender Frauen steigt im Zweiten Weltkrieg weiter an. Im Winter 1944 hat Germaine Krull für den militärischen Pressedienst der Freien Französischen Streitkräfte über die Befreiung des Elsass durch die Alliierten eine ausführliche Reportage gemacht; Eva Besnyö hat als verfolgte Jüdin in den Niederlanden lebend, 1940 Rotterdam nach der Zerstörung durch die Deutschen fotografiert, bevor sie im Versteck überlebt hat.

Sensationell sind die Beispiele zweier sowjetischer Kriegskorrespondentinnen, Natalja Bode und Olga Lander, die im Dienst der Roten Armee für die zentralen Zeitungen, Zeitschriften und Agenturen fotografiert haben. Ihr Leben und ihre Arbeit sind nur in groben Zügen rekonstruiert und doch sind ihre Bilder u.a. vom Krieg um Stalingrad einmalige Dokumente. Ihnen selbst schlug nach ihrer Rückkehr ins zivile Leben oft Misstrauen und Verachtung entgegen.

Die Ausstellung mit ca. 70 Fotografien, mit Grafiken, Zeitschriften und Dokumenten schließt mit wenigen Beispielen des unbearbeiteten Kapitels deutscher Fotografinnen im Zweiten Weltkrieg (Erika Schmachtenberger, Lala Aufsberg, Liselotte Purper). Ilse Steinhoff fotografierte für die gleichgeschaltete nationalsozialistische Presse u.a. in »BIZ«, »Signal«, »Die Wehrmacht« in den besetzten Gebieten in Libyen 1942 und auf dem Balkan 1941-43.


Mit Fotografien von Eva Besnyö (NL), Natalja Bode (SU), Christina Broom (GB), Käthe Buchler (D), Mairi Chisholm (GB), Olive Edis (GB), Vera Elkan (GB) Florence Farmborough (GB), Ruth Hallensleben (D), Elsie Knocker (GB), Germaine Krull (D/F), Olga Lander (SU), Alice Schalek (A), Ilse Steinhoff (D), Gerda Taro (D/F), Edith Tudor-Hart (A/GB)

 

Eröffnung

Mittwoch, 27. September 2017 | 19 Uhr

Es sprechen

Elisabeth Moortgat
Das Verborgene Museum

Margot Blank
Deutsch-Russisches Museum, Berlin-Karlshorst
Sowjetische Fotokorrespondentinnen 1941-1945

Laufzeit

27. September 2017 – 11. Februar 2018

geschlossen  21.12.2017 – 3.01.2018

ÖFFNUNGSZEITEN

Donnerstag, Freitag 15 - 19 Uhr
Samstag, Sonntag 12 - 16 Uhr

VERANSTALTUNG

Bücherbazar im Dezember 2017

Adresse

DAS VERBORGENE MUSEUM
Schlüterstrasse 70
10625 Berlin-Charlottenburg

verkehrsanbindungen

S5, 7, 75, 9 Savignyplatz
U2 Ernst-Reuter-Platz
Bus M49, X34, 101

STADTPLAN

siehe Kontakt

 

TELEFON

+49 (0) 30 313 36 56

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PUBLIKATION
Fotogeschichte – Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie
Heft 134, 2014, Jg. 34: Kriegsfotografinnen, Marion Beckers, Elisabeth Moortgat (Hg.)
20,00 € an der Museumskasse